Dienstag, 18. Mai 2021
Über Feindbilder
Neulich saß ich im Service-Wartebereich eines großen bayrischen Autohändlers mit blauweißem Logo und drei Buchstaben. Das Autohaus war einigermaßen gut besucht, und ich amüsierte mich ein wenig damit, Leute zu gucken.

Dann kam eine Frau mit einem Kind, wahrscheinlich ihrem Sohn (so ca. 5 Jahre alt) herein und sofort stellten sich mir die Nackenhaare auf. In mir machte sich eine heftige Antipathie breit. Der "lässige" Dutt hoch oben auf dem Kopf, die runde Brille, die Kombination aus "gewollt lässigen" Jeans, Sneakers und "höherer-Tochter" Strickjacke mit aufgestickten Perlen, dazu sehr sorgfältiges Make-up, aber natürlich im nude look - das alles schrie in einer Lautstärke nach einem gewissen Klientel, dass ich tatsächlich körperlich zusammenzuckte.

Man muss wissen, dass ich ein Gymnasium besucht habe, das hauptsächlich von den Kindern der "besseren" Gesellschaft frequentiert war. Schon als Teenager lösten in mir deren hoch kultivierte Rituale und Statussymbole zum Ausdruck der gesellschaftlichen Zugehörigkeit nicht nur Verwunderung, sondern auch Abneigung aus.

Natürlich wurde ich als Arbeiterkind ausgeschlossen. Natürlich lehnte ich die Codes auch deswegen ab, weil ich sie nicht kannte, nicht verstand und das Spiel folglich nicht mitspielen konnte.

Die Frau, die da zum Autohändler kam, hatte ich natürlich noch nie im Leben gesehen. Sie hatte mir nichts getan. Höchstwahrscheinlich hat sie selber nie so über Zugehörigkeitsmerkmale gesellschaftlicher Schichten nachgedacht und diese so analysiert, wie ich das mache. Höchstwahrscheinlich stylt sie sich schlicht so, weil es ihr so gefällt und sie damit gut in ihr Umfeld passt.

Als sich mein Puls ein bisschen beruhig hatte, versuchte ich sie neutraler zu beobachten. Sie war am Empfang ausgesprochen freundlich. Im Wartebereich holte sie ein Memory hervor und spielte das mit ihrem Sohn. Sie war dabei geduldig, aber bestimmt, liebevoll zugewandt und die Mutter-Kind-Beziehung, die sich so darstelle hätte wahrscheinlich bei den allermeisten BeobachterInnen 5 Sterne bekommen.

Es gab nichts, aber auch gar nichts, was objektiv ein Grund für meine heftige Antipathie hätte sein können. Nur meine schlechten Erfahrungen aus der Vergangenheit, die ich auf sie projiziert hatte.

Natürlich ist das umso lustiger, weil ich ja exakt im gleichen Wartebereich des exakt gleichen Autohauses exakt derselben Marke saß, die natürlich auch ein gewisses Image verkörpert. Genau das Image, das bei vielen Leuten auch eine sofortige, heftige Antipathie auslöst.

Ich habe viele, viele Jahre gebraucht um zu verstehen, dass manche unserer sofortigen Reaktionen auf andere Menschen weniger mit deren Charakter oder Verhalten zu tun haben. Sondern viel, viel mehr mit uns selber, unserer Geschichte und unserer Prägung.

Wir laufen mit ständigen Filtern durch die Welt. Triggert uns etwas oder jemand, lohnt es sich, einen Moment inne zu halten, zurück zu treten und sich zu fragen:

"Was regt mich jetzt daran so auf?"

"Hat das WIRKLICH etwas mit mir zu tun?"

Allzu oft spielen wir dann doch nur die Spiele vom Schulhof weiter. Zeigen mit dem Finger auf andere, machen uns über deren Frisur, Schuhe, Urlaubsort, Lebensweise, Kaffeegeschmack, Automarke, was auch immer lustig. Gerne natürlich auch im Rudel, denn über gemeinsame Zugehörigkeiten lassen sich andere natürlich schön ausschließen. Oder man kann sich so schön und schnell besser und erhabener fühlen.

Das ist nur menschlich, und es ist verständlich. Ob man damit auf Dauer glücklich wird, ist jedoch eine andere Frage.

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Samstag, 24. April 2021
Sonst so
Gestern viele, viele Pflanzen in die Erde gesetzt, das war die erste von drei Lieferungen. Im Anschluss lungern in meinem Kopf schon weitere Projekt für den Garten herum.

Meine Ausdauer und Muskelkraft wachsen ständig mit. Ich esse so ziemlich was ich will und halte dabei mein Wunschgewicht, kann mittlerweile Stunden am Stück schaufeln, hacken, Schubkarren fahren und habe trotzdem keinen Muskelkater; wenn ich dem Kind auf dem Rad hinterherlaufe komme ich kaum außer Atem. Der Spiegel zeigt mir auch nur Erfreuliches.

Aktiver Lebensstil mit Kind und schwerer körperlicher Arbeit ersetzt offenbar anderen Sport sehr gut. Nur für Rücken und Bauch mache ich Yoga zum Lockern/Dehnen und Übungen zum Kräftigen.

Arbeit läuft. Habe zum Ende der Probezeit gutes Feedback bekommen. Das ist nach dem Totalausfall des letzten Jobs schön. Dennoch sitzen manche Stacheln tief, aber meine Therapeutin und ich sind dran.

Im Wesentlichen gucken ich, dass ich morgens von halb sieben (da klingelt der Wecker) bis abends wenn das Kind schläft (20 Uhr) durchgängig beschäftigt bin, sei es mit Arbeit, Garten, Kind oder Haushalt. Meine Energie ist im Vergleich zu vor ein paar Monaten sozusagen gigantisch. Um halb elf gehe ich dann schlafen, wache vom Wecker um halb sieben auf. Dann wieder auf ein Neues.

Den Rest blende ich so gut es geht aus.

Offenbar war irgendwas mit Schauspielern, aber ich habe es mir noch nichtmal angeguckt. Keine Lust mehr.

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Sonntag, 4. April 2021
Tagebuchbloggen 04.04.2021
Im Moment nicht viel zu berichten. Ich lasse Herrn Laschet in Ruhe nachdenken und frage mich, was aus Merkels Drohung geworden ist. Optimistisch stelle ich mir vor, wie hinter den Kulissen grade vorbereitet wird, Mitte nächster Woche der große Knall kommt und dann endlich verbindliche Regeln für gesetzte Inzidenzen BUNDESWEIT gelten, beim Impfen endlich mehr Tempo kommt und unsinnige Bürokratie abgebaut wird und jeder Arbeitgeber, der seinen Leuten da wo es geht kein Home Office ermöglicht Strafen zahlen muss, die weh tun.

Das wäre schön.

Zwischendurch lese ich auf twitter, schüttel den Kopf und wenn es mir zu blöd wird buddel ich weiter im Vorgarten. Etwas die Hälfte ist geschafft, nächste Woche werde ich wohl wenig machen können wegen Wetter.

Das Kind hilft ab und zu mit, oder der Mann spielt derweil mit ihm, und ich arbeite; Spaten in die Erde, Spaten drehen, Erdsode umgekehrt fallen lassen, Spaten in die Erde, usw. Erde lockern, Wurzeln entfernen, Erde rechen. Und so mache ich meinen Kopf angenehm leer und versuche, meinem Dasein in dieser seltsamen Zeit wenigstens den Sinn zu geben, dass ich neben einer sinnvollen Arbeit und Muttersein halt ein Stück Land umgestalte.

Was Besseres fällt mir im Moment einfach nicht ein.

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